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Archiv für den 15. November 2010

China – überschätzter Gigant?

Thomas Funck
Montag, 15. November 2010

China weckt Hoffnungen und schürt Ängste. Es birgt für den Westen enorme Marktpotenziale und droht gleichzeitig, die alten Exportnationen zu überflügeln. Doch wird dieses Land nicht überschätzt? Dr. Christian Malorny, Director bei McKinsey, gilt als hervorragender Kenner chinesischer Märkte und skizzierte auf einer Tagung der IBS AG ein reales Bild des aufstrebenden Wirtschaftsgiganten.

Das Wichtigste vorneweg: McKinsey prognostiziert für die kommenden zehn Jahre keinen Abbruch der Märkte in China! Das BIP wird voraussichtlich ein durchschnittliches Wachstum zwischen 6 und 7 Prozent verzeichnen. Die chinesische Regierung hat sogar 8 Prozent als offizielle jährliche Wachstumsmarke gesetzt. Tatsächlich hat die Volksrepublik selbst im Krisenjahr 2009 ein Wachstum von 8,7 Prozent erreicht.
In den Ausbau der Infrastruktur werden Milliarden investiert, insbesondere in die Revitalisierung der westlichen Provinzen. Bis zum Jahr 2020 werden 200 weitere Millionenstädte hochgezogen worden sein. Dabei darf nicht übersehen werden, dass noch im Jahr 2010 rund 800 Millionen Menschen (von ca. 1,3 Milliarden) von der Landwirtschaft leben. Der Schritt zur modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft  muss erst noch vollzogen werden. „Die Phase des Konsums steht noch bevor“, gibt Malorny zu bedenken.
Die Chinesen entwickeln ein zunehmendes Umweltbewusstsein. Ein Drittel der weltweit verfügbaren green energy wird in China produziert. Chinesen verfügen über ein hohes kulturelles Selbstbewusstsein. Sie sparen im Durchschnitt 40 Prozent Ihres Einkommens. Und 1,5 Millionen Studenten verlassen jährlich die Universitäten mit einem Abschluss in der Tasche.
Beeindruckende Zahlen und Fakten allemal, aber sie zeigen nur einen Teil der chinesischen Realität. Bis zum Jahr 2020 werden vermutlich weitere 200 Millionen Menschen China bewohnen. „Derzeit läuft eine große Volkszählung an und es wird sich zeigen, ob sich tatsächlich alle Chinesen an die Ein-Kind-Regel gehalten haben“, bemerkt Malorny. Auf jeden Fall muss die Wirtschaft weiter wachsen, damit ein stabiler Arbeitsmarkt dieses Volk ernähren kann. Das übergeordnete Ziel der chinesischen Regierung ist soziale Stabilität und die kann nur der Wohlstand erhalten. Die Chinesen sind daher zum wirtschaftlichen Wachstum verdammt.
Wohlstand drückt sich auch in Bildung, Gesundheit und Vorsorge aus. Auch hier besteht großer Nachholbedarf, denn derzeit müssen Chinesen noch weitgehend selbst für die Ausbildung ihrer Kinder, die Gesundheit ihrer Familie und das Alter (vor)sorgen. Das ist der Grund, weshalb Chinesen so hohe Rücklagen bilden – es bleibt ihnen nichts anderes übrig.
Ein Rechtssystem wird errichtet, ist aber noch weit von westlichen Standards entfernt. So dauern Verhandlungen über ein Gesetz zum Schutz geistigen Eigentums an. Daran konnte auch der Beitritt Chinas zur World Trade Organisation nichts ändern.
Noch werden Innovationen importiert (bzw. kopiert), doch das könnte sich bald ändern. Angesichts der wachsenden Zahl hochqualifizierter Studienabgänger und vielfältiger Forschungskooperationen mit westlichen Universitäten sind chinesische Patente und Erstentwicklungen in den kommenden Jahren keine Utopie. Allein die deutsch-chinesischen Forschungskooperationen konzentrieren sich auf vielversprechende Wachstumsgebiete: Ökologie und Umwelttechnologie, Biowissenschaften bzw.-technologie und Materialwissenschaften. Der Wissenstransfer zwischen West und Ost ist keine Idee, sondern findet täglich statt.
Die EU ist mit 17 Prozent Anteil am Außenhandel der wichtigste Handelspartner Chinas. Es ist damit zu rechnen, dass China sich noch bis Ende 2010 auf Rang zwei der größten Wirtschafts- und Handelsnationen vorschieben wird. Hoffnung oder Risiko – an China kommt künftig kein Unternehmen vorbei.

Quellen

  • Dr. Christian Malorny: Dinner Speech und Podiumsdiskussion beim IBS-Expertenkreis, 3. November 2010
  • World Trade Organisation (WTO): http://www.wto.org/
  • Auswärtiges Amt: http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/china
  • Bundeszentrale für politische Bildung: www.bpb.deibs expertenkreis_

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