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Archiv für den 14. Dezember 2010

Deutschland – ein Wintermärchen?

Thomas Funck
Dienstag, 14. Dezember 2010

Das Münchner ifo-Institut bescheinigt Deutschland für 2010 ein Boomjahr und setzt für 2011 auf Optimismus. Ifo-Leiter Prof. Sinn umschreibt die aktuelle Verfassung der deutschen Konjunktur mit „Deutschland – ein Wintermärchen“. Die Krise sei auch im Vergleich zur historischen Weltwirtschaftskrise von 1932 äußerst rasch überwunden worden. Ein derart starker Boom wie in 2010 sei vom ifo – Institut für Wirtschaftsforschung noch nie beobachtet worden. Und im EU-Raum ist Deutschland derezeit die Konjunkturlokomotive. Woher aber kommt der Aufschwung in Deutschland mit einem BIP-Wachstum von 3,7 Prozent? Erstens sehen die ifo-Forscher nach vielen lauen Jahren wieder eine echte Binnennachfrage. Und nicht der private oder staatliche Konsum befeuern diese Nachfrage, sondern Investitionen im Baugewerbe und in der Industrie. Zweitens sind die Zinsen niedrig wie nie, und das hat Gründe, wie Sinn meint: „Die Banken trauen sich nicht mehr, im Ausland zu investieren, und suchen inländische Kreditnehmer.“ Diese müssen mit günstigen Zinssätzen gelockt werden. Drittens spricht Sinn von einem Wunder am deutschen Arbeitsmarkt: „Man stelle sich vor, es ist Krise, und keiner geht hin“, formuliert der Konjunkturforscher. Die Zahl der Arbeitslosen könnte in 2011 auf unter drei Millionen sinken.
Allerdings sollte bei aller berechtigten Euphorie nicht vergessen werden, dass die Krise der südeuropäischen Länder noch nicht gelöst ist. Für Sinn teilt sich die Welt derzeit in Gewinner und Verlierer der Krise. Rechnungen für die laxe Schuldenpolitik einiger Länder würden jetzt fällig – in Form von stark entwerteten Staatsanleihen. Für das endlich boomende Deutschland stellen Länder wie Spanien oder Italien erhebliche Risiken dar. Nun hänge alles vom Umgang mit künftigen nationalen Finanzkrisen ab, betont Sinn, insbesondere im EU-Raum. Er rät der Politik dringend dazu, sich von der Vollkasko-Mentalität zu verabschieden. Damit meint er die Polarisierung in zahlungsunfähige oder solvente Staaten bzw. Rettungsschirm auspannen oder nicht. Er plädiert für „Haircut statt Hilfe“. Mit dem Haarschnitt (im Unterschied zur Rasur) bezeichnen Ökonomen die staatliche Hilfe mit Augenmaß. Konkret schlagen die ifo-Forscher eine Unterstützung von 20 bis max. 50 Prozent vor. Auch sei die Möglichkeit einer Neuverschuldung für eine Übergangszeit von drei Jahren notwendig.
Wieweit unsere Politiker dem Rat von Wirtschaftsweisen folgen, wissen wir nicht. Doch erfahrungsgemäß unterliegt die Vernunft den Interessen der Stärksten. Ob Deutschland sich mit seinen wirtschaftspolitischen Interessen durchsetzen kann, wird das kommende Jahr zeigen. Auf ein Neues und Gutes!

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